Welche Folgen hatte diese Entwicklung für das schulische Angebot?
Robert Thiel: Wir mussten unser Ausbildungsangebot in den letzten Jahren deutlich reduzieren und stärker differenzieren. Einige Vollausbildungen – etwa zum Elektriker oder später auch die Tischlerlehre – konnten wir nicht mehr aufrechterhalten, weil wir schlicht nicht genug geeignete Jugendliche hatten. Aus früher acht Vollausbildungen sind heute sechs geworden, teilweise mit weniger Plätzen. Parallel dazu haben wir mehr niedrigschwellige Angebote eingerichtet, wie die Aktivierungshilfen für Jüngere, die sogar noch unterhalb der klassischen Berufsvorbereitung ansetzt. Diese Entwicklung hängt eng damit zusammen, dass die Jugendlichen heute jünger, belasteter und schulisch schlechter vorbereitet zu uns kommen. Hinzu kommt, dass die Gefangenenzahlen seit 2013 insgesamt zurückgehen. Die Jugendkriminalität ist gesunken, viele Jugendstrafen werden erfolgreich zur Bewährung ausgesetzt, und in großen Städten greifen Häuser des Jugendrechts frühzeitig ein. Dadurch landen weniger Jugendliche im Vollzug – und entsprechend weniger in unseren Ausbildungsgängen.
Was bezeichnen Sie als Ihren größten Erfolg – und worüber könnten Sie manchmal verzweifeln?
Robert Thiel: Ein besonderer Erfolg war für mich ein Hauptschulabschlusskurs Ende der 2000er Jahre, in dem wir erstmals zwölf Jugendliche gleichzeitig unterrichteten. Trotz der enormen Gruppendynamik haben elf von ihnen die Prüfung bestanden – ein Ergebnis, das es so vorher und nachher nicht mehr gab. Das hat mich stolz gemacht, weil es unter diesen Bedingungen pädagogisch äußerst anspruchsvoll war. Sehr eindrücklich war für mich auch die Entwicklung eines Schülers, den ich über zwei Jahre begleitet habe und der trotz schwieriger familiärer Voraussetzungen und ungünstiger Ausgangslage den qualifizierenden Hauptschulabschluss erreicht hat. Seine Motivation und sein Lernfortschritt waren außergewöhnlich. Auch Lerntraining hat viel bewirkt. Verzweifeln konnte man manchmal an den Rahmenbedingungen: an großen Leistungsunterschieden, an den Unwägbarkeiten des Vollzugsalltags, der Justiz (z.B. überraschende Strafaussetzungen zur Bewährung bei Hauptschulkurs-Teilnehmern mit guter Bestehensperspektive) und daran, dass manche Jugendlichen trotz aller Bemühungen nicht dauerhaft stabil blieben. Doch die positiven Entwicklungen haben diese Momente immer wieder aufgewogen.
Der Rockenberg-Verein wird bald 50 Jahre alt. Sie haben rund die Hälfte dieser Zeit begleitet. Was hat Sie motiviert?
Robert Thiel: Mich hat vor allem motiviert, dass wir als Schule ganz unmittelbar von der Arbeit des Rockenberg-Vereins profitieren. Jugendliche, die ein individuelles Lerntraining bekommen, sind im Unterricht stabiler, motivierter und besser erreichbar – das entlastet uns Lehrkräfte spürbar. Der Verein setzt dabei konsequent auf Einzelbetreuung, und genau diese Beziehungsarbeit ist im Vollzug oft der Schlüssel zu echten Lernfortschritten. Auch in der beruflichen Bildung ist die Unterstützung des Vereins kaum zu überschätzen. Viele Jugendliche hätten ihre Zwischen- oder Abschlussprüfungen ohne diese individuelle Begleitung nicht geschafft oder nur deutlich schlechter. Für mich als Verantwortlichen für den Bildungsbereich war der Verein deshalb immer ein zentraler Partner. Unsere Erfolge wären ohne ihn deutlich geringer ausgefallen – und manche Jugendlichen haben sich gerade wegen dieser persönlichen Unterstützung besonders angestrengt.
Das Klick-Projekt wäre ohne Ihr Engagement nicht so erfolgreich geworden. Wie blicken Sie darauf?
Robert Thiel: Ich verbinde mit dem Klick-Projekt eine sehr erfolgreiche Zeit. Der Start war zwar komplex, aber als das Projekt lief, konnten wir über viele Jahre hinweg stabile und gute Ergebnisse erzielen. Das lag auch daran, dass wir damals eine hohe Belegung, wenig Personalwechsel und mehrere gut funktionierende Ausbildungsbetriebe hatten. So konnten wir regelmäßig viele Jugendliche ins Projekt aufnehmen und ihnen messbare Erfolge ermöglichen – sei es eine Zwischenprüfung, ein Berufsabschluss oder ein Hauptschulabschluss. Heute sind die Rahmenbedingungen andere: weniger Vollausbildungsbetriebe, eine veränderte Klientel und insgesamt weniger Jugendliche, die die Voraussetzungen für das Projekt erfüllen. Trotzdem halte ich Klick nach wie vor für ein sehr wertvolles Instrument. Viele Jugendliche haben Leistungen erbracht, die sie ohne diese gezielte Unterstützung und Motivation nicht geschafft hätten. Und es hat mich immer beeindruckt, wie sehr manche sich angestrengt haben, weil sie nicht zuletzt auch ihrem Lerntrainer bzw. ihrer Lerntrainerin zeigen wollten, dass sich die gemeinsame Arbeit gelohnt hat.
Was möchten Sie dem Verein für seine zukünftige Arbeit mit auf den Weg gebe?
Robert Thiel: Ich würde dem Verein raten, seinen individuellen Ansatz unbedingt beizubehalten. Die persönliche Eins-zu-Eins-Begleitung ist das, was hier im Vollzug den größten Unterschied macht – fachlich, aber vor allem menschlich. Diese Beziehungsarbeit trägt viele Jugendliche durch schwierige Phasen und ermöglicht Erfolge, die sie allein nicht erreichen würden. Wenn der Verein diesen Kern seiner Arbeit bewahrt, wird er auch in Zukunft viel bewirken können.