5. Februar 2026

Interview mit dem langjährigen Schulleiter der JVA Rockenberg Robert Thiel

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21 Jahre Lehrer und Schulleiter in der JVA Rockenberg

Nach fast 21 Jahren als Lehrer und Schulleiter in der JVA Rockenberg blickt Robert Thiel auf eine außergewöhnliche berufliche Laufbahn zurück.

Im Gespräch erzählt er von Herausforderungen, Erfolgen und Veränderungen im Jugendvollzug – und von der Bedeutung, die Bildung für junge Inhaftierte haben kann.

Sie schauen auf fast 21 Jahre als Lehrer und später Schulleiter in der JVA Rockenberg zurück. Ein sinnerfüllter Beruf. Macht Sie das stolz?

Robert Thiel: Stolz wäre nicht das richtige Wort, aber ich bin zufrieden – vor allem, weil ich diese Arbeit so lange Zeit durchgehalten habe. Das ist im Jugendvollzug nicht selbstverständlich, denn wir arbeiten mit Jugendlichen, die aus vielen Schulen ausgeschlossen wurden und deren Kopfnoten in Arbeits- und Sozialverhalten oft „mangelhaft“ bis hin zu “doppelt ungenügend“ waren. Der Unterricht mit ihnen verlangt Ruhe, Gelassenheit und starke Nerven. Man nimmt zwar keine Hefte mit nach Hause, aber man nimmt vieles im Kopf mit. Konflikte mit Schülern und Fehlverhalten von Schülern führen bisweilen zu kontroversen Diskussionen mit anderen Fachdiensten und Entscheidungsträgern. Und als Schulleiter trägt man zusätzlich Verantwortung für das Kollegium und für Situationen, in denen zwischen Mitarbeitenden und Gefangenen etwas vorfällt. Das ist anspruchsvoll. Trotzdem: Ich bin zufrieden, weil ich diese lange Zeit gut durchgehalten habe. Das empfinde ich als persönlichen Erfolg.

Eine JVA ist ein ungewöhnliches Arbeitsumfeld für einen Lehrer. Wie sind Sie dazu gekommen?

Robert Thiel: Das war Zufall. Ich bin von Hause aus Gymnasiallehrer für Russisch und Sozialkunde/Politik. Nach meinem Referendariat habe ich zunächst Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, später sechs Jahre an der Deutschen Botschaft in Moskau gearbeitet und zwei Jahre in Kasachstan als Lehrer und Ausbilder für Deutschlehrkräfte. 2003 kam ich nach Deutschland zurück und wollte wieder in der Schule arbeiten. Im Regelschulwesen bekam ich jedoch nur Absagen – meine Fächerkombination war nicht gefragt. Ein Bekannter vermittelte mir dann eine Honorarstelle in der JVA Wiesbaden. Dort arbeitete ich einige Wochen, bis 2004 die Stelle in Rockenberg ausgeschrieben wurde. Ich kannte das System inzwischen ein wenig und hatte dadurch einen Vorteil im Bewerbungsverfahren. Kurz vor Ende meiner Probezeit bekam ich ein attraktives Angebot aus Köln (eine Stelle im Studienkolleg). Wäre es früher gekommen, hätte ich es vielleicht angenommen. Aber ich entschied mich für Rockenberg – und habe diese Entscheidung nie bereut, auch wenn die Arbeit hier deutlich herausfordernder ist als im Regelschulwesen.

Warum ist Ausbildung während der Haftzeit so wichtig?

Robert Thiel: Ausbildung gibt den Jugendlichen Struktur. Das ist im Haftalltag enorm wichtig. Vor allem aber zeigen zahlreiche Untersuchungen, dass eine abgeschlossene Berufsausbildung einer der stärksten Faktoren zur Rückfallvermeidung ist – besonders, wenn der junge Mann nach der Entlassung sofort im erlernten Beruf arbeiten kann. Dann entsteht kein Leerlauf, und er kann legal Geld verdienen. Das gilt auch für schulische Abschlüsse: Wer einen Hauptschulabschluss erreicht, hat bessere Chancen, nicht erneut straffällig zu werden. Allerdings sind Bildungsabschlüsse notwendige, aber keine hinreichenden Bedingungen. Sie erhöhen die Chancen – garantieren aber nichts.

…und warum trägt Bildung zur Rückfallvermeidung bei?

Robert Thiel: Bildung wirkt deshalb rückfallvermeidend, weil die Jugendlichen hier oft zum ersten Mal erleben, dass sie Erfolge erreichen können. Viele haben schon mehrfach versucht, einen Hauptschulabschluss zu schaffen oder eine Ausbildung zu beginnen, sind aber nicht aus kognitiven Gründen, sondern wegen ihres schwierigen Lebensumfelds gescheitert. Wenn sie in der Haft tatsächlich etwas abschließen, stärkt das ihr Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein. Ein anerkannter Abschluss eröffnet ihnen reale Chancen, nach der Entlassung am normalen Leben teilzunehmen und vor allem legal Geld zu verdienen – besonders, wenn es sich um einen gefragten Handwerksberuf handelt. Diese Perspektive ist ein zentraler Schutzfaktor gegen erneute Straffälligkeit.

Was hat sich während Ihrer Dienstzeit bei den Jugendlichen verändert?

Robert Thiel: Die Klientel hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Zum einen sind die Jugendlichen heute im Durchschnitt jünger; 14- und 15-Jährige waren früher eine Ausnahme, inzwischen gehören sie zum Alltag. Gleichzeitig ist der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund und entsprechend unzureichenden Deutschkenntnissen gestiegen. Zugenommen hat außerdem der Anteil primärer Analphabeten – also junger Menschen, die auch in ihrer Muttersprache weder lesen noch schreiben können, weil sie kaum Schulbildung hatten. Dazu kommt, dass wir heute mehr psychisch sehr auffällige Jugendliche sehen, die wohl in spezialisierten Einrichtungen wie der Forensik oder einer geschlossenen Kinder- und Jugendpsychiatrie besser aufgehoben wären. Insgesamt kommen die Jugendlichen schulisch mit deutlich weniger Vorwissen zu uns. Selbst bei nachweislich vorhandenen Haupt oder Realschulabschlüssen reichen die tatsächlichen Kenntnisse oft nicht aus, um eine reguläre Berufsausbildung erfolgreich zu bewältigen. Das hängt auch damit zusammen, dass die Anforderungen im Regelschulsystem gesunken sind und Hauptschulabschlüsse je nach Bildungsträger sehr unterschiedliche Anforderungsniveaus abbilden können.

Welche Folgen hatte diese Entwicklung für das schulische Angebot?

Robert Thiel: Wir mussten unser Ausbildungsangebot in den letzten Jahren deutlich reduzieren und stärker differenzieren. Einige Vollausbildungen – etwa zum Elektriker oder später auch die Tischlerlehre – konnten wir nicht mehr aufrechterhalten, weil wir schlicht nicht genug geeignete Jugendliche hatten. Aus früher acht Vollausbildungen sind heute sechs geworden, teilweise mit weniger Plätzen. Parallel dazu haben wir mehr niedrigschwellige Angebote eingerichtet, wie die Aktivierungshilfen für Jüngere, die sogar noch unterhalb der klassischen Berufsvorbereitung ansetzt. Diese Entwicklung hängt eng damit zusammen, dass die Jugendlichen heute jünger, belasteter und schulisch schlechter vorbereitet zu uns kommen. Hinzu kommt, dass die Gefangenenzahlen seit 2013 insgesamt zurückgehen. Die Jugendkriminalität ist gesunken, viele Jugendstrafen werden erfolgreich zur Bewährung ausgesetzt, und in großen Städten greifen Häuser des Jugendrechts frühzeitig ein. Dadurch landen weniger Jugendliche im Vollzug – und entsprechend weniger in unseren Ausbildungsgängen.

Was bezeichnen Sie als Ihren größten Erfolg – und worüber könnten Sie manchmal verzweifeln?

Robert Thiel: Ein besonderer Erfolg war für mich ein Hauptschulabschlusskurs Ende der 2000er Jahre, in dem wir erstmals zwölf Jugendliche gleichzeitig unterrichteten. Trotz der enormen Gruppendynamik haben elf von ihnen die Prüfung bestanden – ein Ergebnis, das es so vorher und nachher nicht mehr gab. Das hat mich stolz gemacht, weil es unter diesen Bedingungen pädagogisch äußerst anspruchsvoll war. Sehr eindrücklich war für mich auch die Entwicklung eines Schülers, den ich über zwei Jahre begleitet habe und der trotz schwieriger familiärer Voraussetzungen und ungünstiger Ausgangslage den qualifizierenden Hauptschulabschluss erreicht hat. Seine Motivation und sein Lernfortschritt waren außergewöhnlich. Auch Lerntraining hat viel bewirkt. Verzweifeln konnte man manchmal an den Rahmenbedingungen: an großen Leistungsunterschieden, an den Unwägbarkeiten des Vollzugsalltags, der Justiz (z.B. überraschende Strafaussetzungen zur Bewährung bei Hauptschulkurs-Teilnehmern mit guter Bestehensperspektive) und daran, dass manche Jugendlichen trotz aller Bemühungen nicht dauerhaft stabil blieben. Doch die positiven Entwicklungen haben diese Momente immer wieder aufgewogen.

Der Rockenberg-Verein wird bald 50 Jahre alt. Sie haben rund die Hälfte dieser Zeit begleitet. Was hat Sie motiviert?

Robert Thiel: Mich hat vor allem motiviert, dass wir als Schule ganz unmittelbar von der Arbeit des Rockenberg-Vereins profitieren. Jugendliche, die ein individuelles Lerntraining bekommen, sind im Unterricht stabiler, motivierter und besser erreichbar – das entlastet uns Lehrkräfte spürbar. Der Verein setzt dabei konsequent auf Einzelbetreuung, und genau diese Beziehungsarbeit ist im Vollzug oft der Schlüssel zu echten Lernfortschritten. Auch in der beruflichen Bildung ist die Unterstützung des Vereins kaum zu überschätzen. Viele Jugendliche hätten ihre Zwischen- oder Abschlussprüfungen ohne diese individuelle Begleitung nicht geschafft oder nur deutlich schlechter. Für mich als Verantwortlichen für den Bildungsbereich war der Verein deshalb immer ein zentraler Partner. Unsere Erfolge wären ohne ihn deutlich geringer ausgefallen – und manche Jugendlichen haben sich gerade wegen dieser persönlichen Unterstützung besonders angestrengt.

Das Klick-Projekt wäre ohne Ihr Engagement nicht so erfolgreich geworden. Wie blicken Sie darauf?

Robert Thiel: Ich verbinde mit dem Klick-Projekt eine sehr erfolgreiche Zeit. Der Start war zwar komplex, aber als das Projekt lief, konnten wir über viele Jahre hinweg stabile und gute Ergebnisse erzielen. Das lag auch daran, dass wir damals eine hohe Belegung, wenig Personalwechsel und mehrere gut funktionierende Ausbildungsbetriebe hatten. So konnten wir regelmäßig viele Jugendliche ins Projekt aufnehmen und ihnen messbare Erfolge ermöglichen – sei es eine Zwischenprüfung, ein Berufsabschluss oder ein Hauptschulabschluss. Heute sind die Rahmenbedingungen andere: weniger Vollausbildungsbetriebe, eine veränderte Klientel und insgesamt weniger Jugendliche, die die Voraussetzungen für das Projekt erfüllen. Trotzdem halte ich Klick nach wie vor für ein sehr wertvolles Instrument. Viele Jugendliche haben Leistungen erbracht, die sie ohne diese gezielte Unterstützung und Motivation nicht geschafft hätten. Und es hat mich immer beeindruckt, wie sehr manche sich angestrengt haben, weil sie nicht zuletzt auch ihrem Lerntrainer bzw. ihrer Lerntrainerin zeigen wollten, dass sich die gemeinsame Arbeit gelohnt hat.

Was möchten Sie dem Verein für seine zukünftige Arbeit mit auf den Weg gebe?

Robert Thiel: Ich würde dem Verein raten, seinen individuellen Ansatz unbedingt beizubehalten. Die persönliche Eins-zu-Eins-Begleitung ist das, was hier im Vollzug den größten Unterschied macht – fachlich, aber vor allem menschlich. Diese Beziehungsarbeit trägt viele Jugendliche durch schwierige Phasen und ermöglicht Erfolge, die sie allein nicht erreichen würden. Wenn der Verein diesen Kern seiner Arbeit bewahrt, wird er auch in Zukunft viel bewirken können.